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Favoritenstrategie: Warum sich Wetten auf den Favoriten lohnen können

Führendes Rennpferd mit Jockey beim Zieleinlauf auf einer grünen Galoppbahn im Sonnenlicht

Favoritenwetten haben in der Wetterszene keinen besonders aufregenden Ruf. Die Quoten sind niedrig, die Gewinne überschaubar, und auf Partys erzählt niemand stolz von seiner 1,60er-Wette auf das bestbewertete Pferd im Feld. Trotzdem gibt es gute Gründe, die Favoritenstrategie nicht vorschnell abzutun. Denn wer genauer hinschaut, stellt fest: Favoriten gewinnen öfter, als viele glauben — und unter den richtigen Umständen ist das systematische Setzen auf sie eine der solidesten Herangehensweisen an Pferdewetten überhaupt.

Was die Statistik über Favoriten verrät

Die Datenlage ist eindeutig und über Jahrzehnte hinweg konsistent: Favoriten gewinnen bei Galopprennen in Europa und Nordamerika zwischen 30 und 35 Prozent aller Rennen. Das klingt zunächst nicht überwältigend — aber es ist mit Abstand die höchste Trefferquote, die ein einzelnes Pferd im Feld erreicht. Zum Vergleich: Der Zweitfavorit gewinnt in etwa 18 bis 22 Prozent der Fälle, der Drittfavorit in rund 12 bis 15 Prozent.

Noch aufschlussreicher wird es, wenn man die Platzierungen einbezieht. Favoriten beenden das Rennen in rund 60 bis 65 Prozent der Fälle unter den ersten drei. Für Platzwetten ist das ein bemerkenswert stabiler Wert, der die Favoritenstrategie auch in konservativen Bankroll-Modellen attraktiv macht.

Der sogenannte Favourite-Longshot Bias — ein in der akademischen Literatur gut dokumentiertes Phänomen — besagt, dass Wetter systematisch zu viel Geld auf Außenseiter setzen und zu wenig auf Favoriten. Die Folge: Die Quoten auf Außenseiter sind im Verhältnis zu ihrer realen Siegchance oft zu niedrig, während Favoriten häufiger gewinnen, als es ihre Quote vermuten lässt. Dieser Bias verschwindet nicht, weil er tief in der menschlichen Psychologie verwurzelt ist — Menschen überschätzen den Reiz hoher Gewinne und unterschätzen die Wahrscheinlichkeit des wahrscheinlichsten Ergebnisses.

Wann die Favoritenstrategie funktioniert

Blindes Setzen auf jeden Favoriten in jedem Rennen ist keine Strategie, sondern ein Reflex. Die Favoritenstrategie entfaltet ihre Stärke erst dann, wenn sie selektiv eingesetzt wird — wenn man die Rennen auswählt, in denen der Favorit tatsächlich einen klaren Vorteil hat.

Ein ideales Szenario für eine Favoritenwette ist ein Rennen mit einem klaren Klassenbesten. Wenn ein Pferd aus einer höheren Klasse in ein schwächeres Feld absteigt, ist seine Überlegenheit oft größer, als die Quote widerspiegelt. Der Markt reagiert auf solche Situationen zwar, aber nicht immer ausreichend — besonders dann nicht, wenn das Pferd in seinen letzten Starts gegen stärkere Konkurrenz verloren hat und die Formkurve optisch schwach aussieht.

Ein weiteres günstiges Szenario ist das kleine Feld. In Rennen mit vier bis sechs Startern steigt die statistische Grundwahrscheinlichkeit jedes einzelnen Pferdes, und der Favorit gewinnt noch häufiger als im Durchschnitt. Gleichzeitig sind die Quoten in kleinen Feldern tendenziell niedriger — aber sie sind oft immer noch hoch genug, um bei einer Trefferquote von 40 Prozent und mehr profitabel zu sein.

Weniger geeignet ist die Favoritenstrategie in großen Feldern mit vielen gleichwertigen Startern. Handicap-Rennen, bei denen die Gewichte so verteilt werden, dass alle Pferde theoretisch gleiche Chancen haben, sind das natürliche Terrain der Außenseiter, nicht der Favoriten. Hier sinkt die Trefferquote des Favoriten deutlich, und die niedrigen Quoten machen profitable Wetten schwieriger.

Die richtige Wettart für Favoritenwetten

Die Wahl der Wettart ist bei der Favoritenstrategie kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Bestandteil des Konzepts. Siegwetten auf Favoriten bieten oft Quoten zwischen 1,50 und 3,00 — ein Bereich, in dem schon kleine Schwankungen in der Trefferquote über Gewinn oder Verlust entscheiden.

Platzwetten auf Favoriten sind eine konservativere Alternative. Die Quoten sind niedriger — oft zwischen 1,20 und 1,60 — aber die Trefferquote liegt bei 60 Prozent und darüber. Wer seine Bankroll schonen und konstant kleine Gewinne einfahren will, findet in der Platzwette auf Favoriten ein Werkzeug, das weniger spektakulär, aber bemerkenswert stabil ist.

Die Each-Way-Wette kombiniert beide Ansätze: Man setzt gleichzeitig auf Sieg und Platz. Wenn der Favorit gewinnt, kassiert man beide Teile. Wenn er nur platziert wird, gleicht der Platzgewinn zumindest einen Teil des verlorenen Sieganteils aus. Für Favoritenwetter, die einen Mittelweg zwischen Risiko und Sicherheit suchen, ist die Each-Way-Wette eine durchdachte Option — allerdings muss man beachten, dass der Einsatz doppelt so hoch ist, da man zwei separate Wetten platziert.

Totalisator oder Buchmacher: Wo sind Favoritenwetten besser aufgehoben?

Die Wahl zwischen Totalisator- und Buchmacherquoten hat bei Favoritenwetten eine besondere Bedeutung. Beim Totalisator bildet sich die Quote erst nach Wettschluss — sie hängt davon ab, wie viel Geld insgesamt auf jedes Pferd gesetzt wurde. Da auf Favoriten naturgemäß das meiste Geld fließt, sinkt die Totalisatorquote für den Favoriten oft kurz vor dem Start deutlich ab. Wer früh wettet, kennt die endgültige Quote nicht.

Bei Festkurswetten beim Buchmacher hingegen steht die Quote zum Zeitpunkt der Wettabgabe fest. Das bietet Planungssicherheit — man weiß genau, was man im Erfolgsfall bekommt. Für Favoritenwetter, die ihre Rentabilität kalkulieren, ist diese Vorhersehbarkeit ein echter Vorteil. Die Buchmacherquote auf den Favoriten liegt zudem häufig über der finalen Totalisatorquote, weil der Totalisator durch das Wettverhalten der Masse nach unten gedrückt wird.

In der Praxis lohnt sich bei Favoritenwetten deshalb ein Blick auf beide Systeme. Wer die Möglichkeit hat, zwischen Totalisator und Festkurs zu wählen, sollte die jeweils bessere Quote nehmen — das klingt offensichtlich, wird aber erstaunlich selten konsequent umgesetzt. Manchmal liegt die Totalisatorquote früh am Tag über dem Festkurs, weil noch wenig Geld im Pool ist. Später dreht sich das Verhältnis oft um.

Die Grenzen der Favoritenstrategie

Wer glaubt, mit Favoritenwetten ein risikoloses System gefunden zu haben, unterschätzt die Mathematik. Selbst bei einer Trefferquote von 33 Prozent und einer Durchschnittsquote von 3,00 liegt der theoretische Ertrag bei exakt null — abzüglich der Marge des Buchmachers ist man leicht im Minus. Die Favoritenstrategie funktioniert nur dann profitabel, wenn die Trefferquote über dem liegt, was die Quote impliziert.

Ein praktisches Problem ist die Wettsteuer. In Deutschland beträgt die Wettsteuer seit der Neufassung des Glücksspielstaatsvertrags 2021 5,3 Prozent des Einsatzes. Bei hohen Quoten fällt diese Steuer weniger ins Gewicht, aber bei Favoritenwetten mit Quoten um 1,80 oder 2,00 reduziert sie die ohnehin dünne Marge empfindlich. Wer mit einer Quote von 1,80 wettet und 5,3 Prozent Steuer zahlt, braucht eine Trefferquote von über 59 Prozent, um allein die Steuer auszugleichen — ein ambitionierter Wert.

Eine weitere Grenze ist die psychologische Belastung. Favoritenwetten erzeugen eine trügerische Sicherheit: Man hat das Gefühl, kaum verlieren zu können, weil man ja auf das wahrscheinlichste Pferd setzt. Aber ein Favorit, der dreimal hintereinander verliert, ist statistisch nichts Besonderes — es passiert regelmäßig. Die Gefahr besteht darin, nach einer solchen Serie die Strategie aufzugeben oder den Einsatz zu erhöhen, um Verluste wettzumachen. Beides sind typische Fehler, die aus einer soliden Strategie eine verlustbringende machen.

Die Favoritenstrategie als Baustein, nicht als Gesamtlösung

Die Favoritenstrategie ist kein Allheilmittel, aber auch kein Anfängerfehler. Sie ist ein Werkzeug, das unter bestimmten Bedingungen funktioniert und das sich besonders gut mit anderen Ansätzen kombinieren lässt. Wer beispielsweise normalerweise auf Value Bets setzt und dabei auf Außenseiter spekuliert, kann mit selektiven Favoritenwetten das Portfolio stabilisieren und die Varianz reduzieren.

Erfahrene Wetter nutzen die Favoritenstrategie oft in Phasen, in denen das Rennangebot keine klaren Value-Gelegenheiten bietet. Statt auf Zwang eine spekulative Wette zu platzieren, setzen sie auf den Favoriten in einem Rennen, in dem die Analyse einen deutlichen Klassenvorteil zeigt. Das ist nicht aufregend, aber es ist diszipliniert — und Disziplin ist in der Welt der Pferdewetten eine der am meisten unterschätzten Eigenschaften.

Wer die Favoritenstrategie ausprobieren will, sollte mit einem klaren Regelwerk beginnen: nur in Rennen mit maximal zehn Startern wetten, nur wenn der Favorit eine Klasse über dem Rest steht, und nur mit einem fixen Anteil der Bankroll. Wer diese Regeln konsequent einhält, wird feststellen, dass Favoritenwetten weder langweilig noch nutzlos sind — sondern ein solider Grundpfeiler in einem diversifizierten Wettansatz. Und wenn jemand fragt, worauf man gesetzt hat, darf man ruhig sagen: auf den Favoriten. Ohne Scham.

Von Experten geprüft: Hannah Franke